Schlafsofa

Hätte der Plan meiner Freundin Michaela geklappt, würde ich mich während meines Aufenthaltes in Wien zu Weihnachten 1973 in ihr Schwesterlein Bettina verknallt haben. In diesem Fall würde ich selbst in aller Öffentlichkeit um sie getrauert haben, aber als Schwager, und nicht bloß als objektiver, emotionsloser Zuschauer, als der ich nämlich später, nachdem sie frühzeitig an Brustkrebs gestorben war, ihrer Beerdigung beiwohnte. Besessen von ihrer atemberaubenden Schönheit — tatsächlich wohnte sie damals in Paris, um ihre Karriere als Mannequin voran zu treiben — kümmerte sich Michaela obsessiv um das Liebesleben ihrer kleinen Schwester. Diese Manie war allem Anschein nach ein Ersatz für etwas, nach dem sie sich sehnte, was sie sich aber überhaupt nicht erlauben konnte. Keine Chance hatte ich, der ich ganz ohne Aussichten in das Rennen für die Zuneigung der älteren Schwester ging. Ihr Lebens- und Arbeitsmilieu hatte ihr eine harte Lehre erteilt. Bemerkenswerte Schönheit ist eine Ware, die man nicht beiläufig verschwenden darf. Anders gesagt, sie ist eine Bürde, für welche eine so belastete Dame sich freigiebig aufopfern muss. Das Schwesterlein litt laut Michaela nicht unter der ausweglosen Schuld dieser übermäßigen Schönheit, ungeachtet dessen, daß Bettina auf den Fotos eine eindeutige Ähnlichkeit zu ihrer unerreichbaren Schwester aufwies. Auch war Bettina ohne Aussichten, um es mal so zu sagen, und verbrachte – wie auch ich – ihre Zeit fast ausschließlich mit Gedichten und Romanen. Als daher Michaela mir vorgeschlagen hatte, über die Weihnachtsfeiertage von Paris nach Wien zu reisen, um Nutznießer der Gastfreundlichkeit ihrer Schwester zu sein, begann ich mir eine sehr erotische, aber auch literarische Fantasiewelt vorzustellen. Paris war mir sowieso langweilig gewesen. Gleich als ich das Geld bekam, löste ich den Fahrschein. Dann bezahlte ich vorsichtig eine Monatsmiete im Voraus. Alles was ich besaß und behalten wollte, packte ich in meinen Reisekoffer, welchen ich in einer Ecke meines Wohnklos abstellte, falls ich ihn später einmal nach Wien nachschicken lassen würde. Was blieb, habe ich weggeworfen, aber wie alle Menschen in meiner Nachtbarschaft habe ich diese schäbigen Güter mitten in der Nacht auf dem Trottoir heimlich hinterlegt. Früh am Morgen nahm ich dann die Metró nach der Gare de l’Est, um die vierundzwanzig Stunden Fahrt zu unternehmen, meinen Rucksack beschwert mit den Büchern, die, wie ich hoffte, mir bei der zärtlichen Verführung der Bettina helfen würden. Jedenfalls sind die von mir und auch die von Michaela unausgesprochenen, aber beidseitig anerkannten Absichten, geplatzt. Eine Woche bevor ich am Bahnsteig des Westbahnhofs ausstieg, hatte sich Bettina wahnsinnig Hals über Kopf in einen jungen Dichter aus Südtirol verliebt, der nach Wien gekommen war, um Hochdeutsch zu lernen. Nach zwanzig Jahren habe ich ihn aus der Ferne beim Begräbnis der Michaela erhascht – mit einem ergrauten Bart, glattsköpfig, und mit einer kleiner Wampe. Vermutlich hat er mich nicht erkannt, ein für ihn nur französischsprechender Unbekannter, der unbehagliche zwei Nächte lang zähneknirschend und mit von Polstern verborgenen Ohren in der entferntesten Ecke des eingeschränkten Raumes, den ich mit den beiden Geliebten teilen mußte, verbrachte. Ihrer Schwester verpflichtet, mußte Bettina mich doch gnädigerweise empfangen. So hat sie mir, so schnell wie irgendmöglich, ein Schlafsofa in einer nahe gelegenen Wohngemeinschaft gefunden. Hier beginnt meine Geschichte.

[a very short short story, revised by Anonymous — see photo below]

Die Demenz

Gewöhnlich mutmaßt man, dass der Verlust des kurzfristigen episodischen oder autobiographischen Gedächtnisses, der das Greisenalter begleitet, Symptom einer allmählichen, durchgängigen Störung des Gehirns sei. Wie überall in dem älterwerdenden, zunehmend schwergängigen Leib, verlieren die Synapsen ihre Anpassungsfähigkeit. Notwendige Nährstoffe erreichen die Neuronen nicht, die demzufolge nicht mehr die Übertragung der erforderlichen Botschaften gewährleisten können. Die synaptische Effizienz neuronaler Netze nimmt ab. Die Episoden, Ereignisse und Tatsachen aus unserem eigenen Leben werden nicht wie bisher in Form von Gedächtnisspuren in den Verbindungen der Nervenzellen niedergelegt. So speichert der Einzelne wohl, sobald er in die Küche eintritt, nur mit Schwierigkeiten ab, wohin er gehen wollte, wie auch warum er diesen Schritt unternahm. Der Name, der mit einem gegebenen Gesicht verbunden werden soll, verflüchtigt sich. Das Weiter in einem Und-So-Weiter führt nirgendwohin. Fest bleiben nur die ausgetretenen Pfade, die in eine immer und ewig abgelegene Vergangenheit leiten, Arten von viae romanae, auf denen wir nachträglich Landstraßen errichten lassen – denn wir kennen diese Wege. Aber dieses vorhergehende Bauwerk basiert, trotz seiner elektrochemischen Verbrämung, auf einer unausgesprochenen metaphorischen Begründung, deren Subtext offensichtlich organisch ist, abgebildet nach einem Lebenszyklus, welcher der Sprache der Blumen entliehen worden ist. Logisch genug. In der Tat ist der Mensch ein lebendiges, der Zeitlichkeit unterworfenes Geschöpf, das in einem Moment geboren ist und sodann eine gewisse Zeitlang lebt und erlebt. Wenn kein Unglück geschieht, stirbt er langsam, da seine Lebenskraft schrittweise abgeschliffen wird, sobald er zu reif geworden ist. Es soll natürlich nach diesem Muster ein Höhepunkt entstehen, bei dem alle Umstände optimal funktionieren. Vor diesem idealisierten Moment ist das System nicht völlig entwickelt. Danach ist es gestört und im Zerfall begriffen. Wie wäre es jedoch, wenn wir annehmen würden, dass dieser Höhepunkt nur ein imaginäres Produkt unserer Denkmuster ist? Warum hat die Natur so einen Zustand erzeugt, in dem man die tägliche Lebenswirklichkeit nicht wahrnehmen kann, Belanglosigkeitsschwärme aber, die man vor langer Zeit durchlebt hat, fast mühelos zurückzurufen imstande ist? Könnten wir da nicht eine unerwartete Zärtlichkeit seitens des Universums für den Menschen erwarten, derart, daß, statt der Wirklichkeit unseres bevorstehenden Todes, unser Bewusstsein sich auf die Zeit richtet, in welcher wir höchst lebendig waren? Ist es außerdem nicht der Fall, dass dieser neuropsychologische Apparat hilft, uns von dem Leben, das wir naturgemäß schnell hinter uns lassen werden, loszulösen?

My first text in German. With thanks to Anonymous (see photo below), who did the final editing.